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Redensarten zerpflückt

27

Jan
2015

In Redensarten zerpflückt

By Renato Rossi

Je suis Charlie

On 27, Jan 2015 | In Redensarten zerpflückt | By Renato Rossi

Dass Millionen von Menschen auf die Strasse gegangen sind um für freie Meinungsäusserung und Pressefreiheit zu protestieren finde ich grossartig. Demokratien können nur funktionieren wenn diese Rechte garantiert sind. „Je suis Charlie“ ist zu einer Redensart geworden oder zu einer Metapher für freie Meinungsäusserung. Gleichzeitig auch eine Formel zur Bekundung von Solidarität.Es bleibt zu hoffen, dass diese Menschen, die Plakate mit „je suis Charlie“ herumgetragen haben, das nicht allzu wörtlich nehmen. Sie sind nicht Charlie(Hebdo)! Wer im Alltag meint er könne immer und überall seine Meinung frei äussern ist naiv und hat schnell einen Haufen Probleme. Beim Smalltalk gibt es eine goldene Regel: Rede über alles, nur nicht über Religion oder Politik. Themen, bei denen es um Glauben oder Haltungen geht, sind Glatteis. Solche Themen sind nur erlaubt, wenn Satire, politisches Kabarett oder Comedy drauf steht, ein definierter Ort und definierte Zeit. Die Fasnacht gehört da auch dazu. Hier können Dinge öffentlich ausgesprochen werden, die im Alltag tabu sind. Dann darf man herzhaft lachen. Anderswo ist man „politisch inkorrekt“ und lässt es lieber bleiben. Satire, Sarkasmus und Ironie haben eine wichtige psychohygienische Funktion in einer freien Gesellschaft, aber eben nur in einem dafür definierten Kontext.

 

redensarten

 

 

 

Ist Ihnen aufgefallen, dass es bei diesen Demonstrationen zuerst vor allem um Meinungs- und Pressefreiheit ging? Dies hat die Massen mobilisiert. „ Wir lassen uns von Islamisten nicht den Mund verbieten“! Die ermordeten Karikaturisten sind zu Märtyrer für die Pressefreiheit geworden. Ihr Mut wurde zu Recht gewürdigt und es wurde dafür gekämpft, dass Andere das Werk fortsetzten können

Wenig später kam die Wende. Die liberale islamische Welt hat sich von den Tätern distanziert. „Nicht alle Muslime sind Islamisten“. Es gab dann Plakate wie „je suis Mohammed“ (ein getöteter Polizist). Immerhin sind ja auch Muslime getötet worden. Dann die Empörung aus jüdischer Seite. Aus ihrer Sicht wurden die Opfer aus dem koscheren Supermarkt zu wenig gewürdigt. Und schon ist eine Demonstration für das Recht auf freie Meinungsäusserung auf das politische Glatteis geraten. Plötzlich war politische Korrektheit gefordert. Äusserungen mussten auf die Goldwaage gelegt werden. Offizielle Einladungen zur Kundgebung führten zu heiklen Situationen. Als der israelische Ministerpräsident Netanjahu sich selbst eingeladen hat, musste François Hollande flugs den Präsident Palästinas Abbas einladen, um das Gleichgewicht zu gewährleisten. Das Anliegen auf freie Meinungsäusserung und Pressefreiheit wurde damit ins Gegenteil verkehrt. Der politische Eiertanz war bereits in vollem Gange.

Noch etwas ist in diesen Wochen deutlich geworden: Fanatiker, egal welcher Couleur, haben keinen Humor. Der Islamist aus dem Sudan, der auf einer Pressefoto mit hasserfülltem Gesicht das Plakat „je ne suis pas Charlie“ getragen hat, hat zynischerweise in vielerlei Hinsicht Recht. Witze und Karikaturen finden halt vor allem  die lustig, die selbst nicht betroffen sind. Fertig mit lustig? Wer nicht auch über sich selbst und seine Unvollkommenheiten lachen kann ist im Leben schlecht bedient. Es darf gelacht werden!

 

 

 

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