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Redensarten zerpflückt

06

Sep
2015

In Redensarten zerpflückt

By Renato Rossi

Strafe muss sein!

On 06, Sep 2015 | In Redensarten zerpflückt | By Renato Rossi

Wieso eigentlich? Der christliche Glaube lehrt uns verzeihen. Denken Sie an die Geschichte des verlorenen Sohns. Nur im alten Testament und in der Scharia herrschen noch das „Aug um Auge , Zahn um Zahn“!
Sucht man bei psychologischen Untersuchungen nach Ergebnissen der Forschung über die Wirkung von Strafen kommt man zum Schluss dass Strafen nur in wenigen Fällen wirksam sind . Kurz gesagt: Strafen sind nur wirksam, wenn sie unmittelbar nach der Verfehlung (also nicht Tage oder Monate danach) und wenn die Strafe in einem direkten Zusammenhang mit der Verfehlung steht. Das trifft besonders im Strafrecht und –vollzug nicht zu. Also wirkungslos ? Oder im Gegenteil, schaden sie sogar? Alle Studien zeigen, dass Strafen eher zu Rachegefühlen führen anstatt zur Einsicht in das eigene Unrecht. Das aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden entbindet den Straftäter von den sozialen Verbindlichkeiten. Er bastelt sich ein eigenes Normen und Wertesystem. Nicht ohne Grund werden z.B. Jugendliche Straftäter nach Entlassung aus Gefängnissen unserer Nachbarländer zu etwa 80% rückfällig. Und nicht zufällig sind dann die Straftaten meist schwerer, als diejenigen vor der Strafverbüssung.
Vielleicht sind Strafen mindestens abschreckend? Nichts deutet darauf hin. Selbst Todesstrafen verhindern keine Tötungsdelikte. Das Beispiel USA zeigt, dass trotz der Todesstrafe die Mordrate mit Abstand die höchste der westlichen Länder ist. Dass in den Bundestaaten der USA, in denen die Todesstrafe abgeschafft wurde, die Mordrate sogar abgenommen hat, müsste eigentlich zu denken geben.
Also muss Strafe sein wirklich sein?
Was ist mit den Opfern? Haben diese und ihre Angehörigen nicht Anrecht auf Sühne, auf Vergeltung? Das Bedürfnis kann man gut verstehen. Aber ist ihnen mit der Bestrafung des Täters wirklich geholfen? Meist kann ja die Strafe gar nicht hart genug sein um dieses Bedürfnis zu stillen. Und genau da steckt die Justiz und die Politik im Dilemma. Will sie für Sühne und Vergeltung sorgen muss sie drakonische Strafen verhängen. Will sie aber für Sicherheit im Lande sorgen und Straftaten reduzieren, so muss sie andere Wege gehen.
Strafe kann wirken, aber nur in Kombination mit der Bearbeitung der Tat und mit Wiedergutmachungshandlungen. Sie wirkt dann, wenn nicht die Person, sondern sein Handeln verurteilt wird und wenn es gelingt Einsicht in das Unrecht seines Handelns zu bewirken.
Die Schweiz muss den Weg, den sie eingeschlagen hat weitergehen und sich nicht durch populistische Politiker beirren lassen. Wer von Kuscheljustiz spricht ist beim „Aug um Auge, Zahn um Zahn“ stecken geblieben und ist nicht weit weg vom Denken der IS-Krieger.